KlimaStar 2021: Ehrenfelder StartUp EINHUNDERT bringt mit Mieterstrom die Energiewende in die Stadt

Dr. Ernesto Garnier sorgt für mehr Durchblick beim Strom vom eigenem Dach (Bild: Einhundert Energie).

Bei der ersten digitalen SmartCity Cologne-Konferenz haben die Zuschauerinnen und Zuschauern das Kölner Unternehmen „EINHUNDERT Energie GmbH“ zum Kölner "KlimaStar" 2021 gewählt. Das Ehrenfelder StartUp nimmt damit am Finale des bundesweit gestreamten Pitch-Wettbewerbs "Startup-Champs goes GreenTech" teil, das die KölnBusiness Wirtschaftsförderung gemeinsam mit den Städten Hamburg, Berlin und München im September ausrichtet.

Wir haben mit Dr. Ernesto Garnier, dem Gründer und Geschäftsführer von „EINHUNDERT“, darüber gesprochen, wie er mit seinem Unternehmen Mieterstrom für die Nutzer transparenter macht und so dafür sorgt, dass in Zukunft möglichst viele Mieter in der Stadt von der Energiewende profitieren können.

Herr Dr. Garnier, Sie haben mit Ihrem Unternehmen eine App entwickelt, die klimafreundlich erzeugten Mieterstrom für die Nutzer transparenter macht – wie funktioniert das und wieso war eine solche App überhaupt erforderlich?

Mieterstrom mit Photovoltaikanlagen ist ein tolles Konzept, aber für alle Beteiligten auch sehr komplex. Wie viel Solarstrom wird derzeit produziert? Welcher Mieter hat im letzten Monat wie viel Strom verbraucht? Und wie viel CO2 wurde eingespart? Es braucht einen digitalen Ansatz, um Mieterstrom transparent und wirtschaftlich umzusetzen. Nur so sind Mieter motiviert mitzumachen und Vermieter gewillt, in die Energietechnik zu investieren. Unsere Plattform – hinter der App steht eine mächtige Cloud-basierte Software- und Prozesslandschaft – automatisiert die Abläufe und schafft Transparenz in Echtzeit.

Wie kann ich als Mieter eines Mehrparteienhauses von Ihrer App und damit auch von der Energiewende profitieren?

Vor der Nutzung der Software steht die Installation einer Photovoltaikanlage und digitaler Messtechnik („Smart Meter“). Diese Voraussetzung schaffen die Vermieter, wir unterstützen sie dabei mithilfe eines großen Fachpartnernetzwerks. Ist die Technik installiert, erfasst unser System sämtliche Stromflüsse. Mieter, die sich für das Angebot entscheiden, erhalten günstigen und sauberen Sonnenstrom vom Dach. Wir stellen sicher, dass rund um die Uhr Strom verfügbar ist. Über unsere Software haben die Mieter ihre Kosten und Einsparungen jederzeit im Griff.

Zum Nachschauen: die komplette Konferenz im Stream

Den Pitch, den Dr. Ernesto Garnier auf der Smart CityCologne-Konferenz gehalten hat, lässt sich im Video ab Stunde 1:45:30 betrachten.

Wie entstand die Idee, eine App zu entwickeln, die Mieterstromprozesse digitalisiert und somit vereinfacht – aus einer persönlichen Situation heraus? Was war Ihr Antrieb?

Ganz grundsätzlich treibt mich bereits seit Studienzeiten die Idee an, einen Beitrag zur Energiewende und somit zum Klimaschutz zu leisten. Durch meine Zeit als Strategieberater für Energieunternehmen von 2011 bis 2017 habe ich den Eindruck gewonnen, dass es teilweise neue Unternehmen braucht, um die notwendigen Innovationen mit der notwendigen Geschwindigkeit in den Markt zu tragen. Von dort war der Schritt nicht weit, eine Lösung für den Rollout von Solarstromversorgung im Mehrparteienbereich zu entwickeln. Denn über 50 Prozent der Europäer leben nicht im Einfamilienhaus, sondern in Wohnungen. Auch Firmen sind meist Mieter. Das Potenzial ist gewaltig. 

Von der ersten Idee über die fertige App bis hin zum ersten Kunden – wie viel Zeit ist vergangen und waren Sie während der gesamten Entwicklung und Unternehmensgründung von Ihrer Idee überzeugt? Oder gab es auch schon einmal Rückschläge oder Zweifel?

Im Juni 2017 habe ich EINHUNDERT offiziell angemeldet – zu dem Zeitpunkt hatte ich ca. 9 Monate nebenberuflich am Konzept gearbeitet. Bereits im Herbst 2017 hatten wir dann unser erstes Pilotprojekt live. Ernstzunehmende Umsätze erwirtschaften wir seit 2019. 

Auf dem Weg bis hierhin gab es zahlreiche Rückschläge, und es gibt sie weiterhin: Gesetzliche und regulatorische Hürden, die unbegreiflich sind; Verzögerungen oder gar Absagen erwarteter Aufträge; Absagen von interessierten Investoren. Was in solchen Momenten trägt, ist der extreme Zusammenhalt und der Glaube an die Sache im Team, aber auch der Zuspruch von Kunden, Bekannten und unseren Gesellschaftern. 

Ich halte es für die größte Herausforderung für GründerInnen, den Spagat zu schaffen zwischen Kurs halten aus Überzeugung und Kurs ändern aufgrund von Rückschlägen und Lernerfahrungen. Oft muss ich mich zwingen innezuhalten, und das Erreichte wahrzunehmen und zu genießen. Meist drehen sich die Gedanken mehr um die noch unerreichten Ziele, nicht um die erreichten. 

Was bedeutet Ihnen und Ihren Mitstreitern bei EINHUNDERT Energie der Gewinn des Kölner KlimaStars? Was erwarten oder erhoffen Sie sich von der Wild Card und der Teilnahme am Finale?

Wir haben uns über die Auszeichnung sehr gefreut, zumal es ein Publikumspreis ist. Gerade in Zeiten von Corona und Home Office schweißt so ein Erfolg das Team nochmal zusätzlich zusammen. Es bestätigt unsere Gesamtwahrnehmung, dass unsere Lösung mittlerweile im „Main Stream“ angekommen und unsere Zeit gekommen ist. Gerade Köln hat ja beim Klimaschutz und beim Solarstrom-Rollout viel vor – endlich!

Dr. Ernesto Garnier ist mit EINHUNDERT Energie Kölns erster KlimaStar (Bild: RheinEnergie).

Gab es nach der Veranstaltung schon Reaktionen oder haben sich sogar schon neue Kunden gemeldet?

Gerade im Verwandten- und Bekanntenkreis war die Resonanz wirklich positiv. Tatsächlich gab es vermehrte Anfragen von privaten Vermietern und Wohneigentümergemeinschaften. Bei unseren typischen Geschäftskunden aus der Wohnungswirtschaft freuen wir uns seit längerem über tollen Zulauf, daher war der Effekt dort weniger spürbar.

Wie geht es weiter? Welche kurz- und langfristigen Pläne und Ziele haben Sie für Ihr Start-Up und für die Energiewende in Köln? Wie möchten Sie diese beeinflussen und mitgestalten?

Wir möchten als Mieterstrompartner der regionalen Immobilien- und Energiewirtschaft einen signifikanten Beitrag dazu leisten, dass die Stadt ihre Klimaziele erreicht. Bereits heute sind wir an der weit überwiegenden Zahl der Mieterstromprojekte in Köln beteiligt. Ob als eigenständiger Anbieter oder als Dienstleister. Wir freuen uns riesig darüber, lokale Größen wie die GAG und die RheinEnergie mit unseren Services zu unterstützen. Unser inoffizielles Ziel: Die Zahl der Photovoltaik-Mieterstromanlagen in Köln soll von bislang ca. 50 bis 2030 auf Minimum 5.000 anwachsen.

Sie leben und arbeiten in Köln – wie sehen Sie den Stand der Energiewende in der Stadt? Sind wir in unserer Stadt auf einem guten Weg? Woran muss dringend noch gearbeitet werden?

Ich würde sagen: Die Ziele sind mittlerweile formuliert, es müssen zügig Taten folgen. Um die Energiewende positiv erlebbar zu machen, muss vor allem bei Mobilität und Grünflächen mehr passieren. Radwege, ÖPNV und Fußwege müssen in Köln schleunigst attraktiver werden als Autofahren. Dann wechseln die Verkehrsteilnehmer auf nachhaltige Alternativen und merken, wie sehr Klimaschutz mit Lebensqualität einhergeht. Mit Bezug auf Energie sollte die Stadt voranschreiten und breitflächig Solarstrom auch auf öffentlichen Gebäuden ausrollen – die GAG ist ein tolles Vorbild. Daneben müssen weitreichendere Förderungen und Forderungen (z.B. Solarpflicht) genutzt werden, um die lokale Wohnungswirtschaft zur Umsetzung von Solarstrom, Ladesäulen und Wärmepumpen zu motivieren – zu wirtschaftlichen Konditionen.

Herr Dr. Garnier, vielen Dank für das Interview und schon jetzt viel Erfolg für das Finale im September.